Ein Kapitel für Dich, Band I
Kapitel 1
Ankunft auf Burg Falkenstein
Die Sonne hing tief über den Hügeln der Wachau, als der alte Mercedes-Benz Tourino die letzte Serpentine nach Falkengrund hinaufrollte. Der kompakte 34-Sitzer war für die schmalen Straßen der Wachau genau das richtige Fahrzeug. Kurt fuhr für einen Shuttle-Service, der mit mehreren Hotels in der Region zusammenarbeitete.
Der Bus war am Flughafen Wien gestartet und hatte zunächst den Wiener Hauptbahnhof angefahren. Danach hatte Kurt mehrere Hotels und andere Ziele angesteuert. Die meisten Fahrgäste waren inzwischen ausgestiegen. Falkengrund war heute seine letzte Station.
Im Bus saßen nur noch fünf Gäste, die hier ihren Aufenthalt verbringen würden:, Farid, Clara, Johanna, Milan und Zoe.
Zwischen den Reben glänzten die Schieferdächer der alten Gebäude im warmen Licht des späten Nachmittags. Die Mauern warfen lange Schatten über den Hof, und durch die geöffneten Fenster zog der Duft feuchter Erde, junger Weinreben und blühender Obstbäume.
„Und da wären wir“, sagte Kurt und brachte den Wagen mit geübter Ruhe zum Stehen.
Zischend öffnete die Tür des Reisebusses.
Die fünf Fahrgäste stiegen aus, streckten die Beine und blickten neugierig zur Burg hinauf. Nach der langen Fahrt machte sich Erleichterung breit. Einige griffen nach ihrem Gepäck, andere ließen den Blick erst einmal über den Innenhof schweifen.
Kurt blieb noch einen Moment hinter dem Lenkrad sitzen. Seit vielen Jahren fuhr er für den Shuttle-Service. Die Gesichter wechselten, die Hotels auch. Falkengrund war für ihn heute die letzte Station.
Am Vortag hatte er eine achtundzwanzigköpfige Reisegruppe nach einer Woche Aufenthalt auf der Burg abgeholt und zurück nach Wien gebracht. Seit ihrer Abreise war das Hotel bis auf einen einzelnen Gast wieder fast leer gewesen. Adrian Keller war erst am Vorabend angekommen und würde noch eineNacht bleiben. Mit der heutigen Gruppe würde wieder Leben in die Burg kommen.
Kurt stieg aus. Am Tor wartete Lukas bereits.
Die dunkelgraue Schürze mit dem gestickten Falkenwappen verriet ihn ebenso wie das freundliche Lächeln, mit dem er die Gäste begrüßte.
Clara war eine der Ersten, die den Kiesplatz betrat. Sie atmete tief ein und hob für einen Moment das Gesicht der Sonne entgegen.
„Endlich frische Luft“, sagte sie leise. „Vielleicht finde ich hier tatsächlich ein bisschen Ruhe.“
Sie schob eine lose Haarsträhne zurück und band ihr dunkelbraunes Haar zu einem festen Dutt. Danach glitt ihr Blick aufmerksam über den Burghof. Alte Gewohnheiten legte man nicht einfach ab.
„Bitte sagt mir, dass es hier WLAN gibt.“
Milan hob sein Smartphone und betrachtete missmutig das Display.
„Ein Balken. Das kann doch nicht euer Ernst sein.“
„Vielleicht will dir das Universum etwas sagen“, murmelte eine Stimme hinter ihm.
Zoe hatte die Kapuze ihres Hoodies tief ins Gesicht gezogen. Ein Kopfhörer hing noch im rechten Ohr, während sie den Rucksack über die Schulter schob.
„Zum Beispiel?“
„Dass du mal einen Tag nichts posten musst.“
Milan sah sie an.
„Das klingt erschreckend vernünftig.“
Zoe zuckte kaum merklich mit den Schultern.
„Passiert selten.“
Ein leises Lachen ging durch die Gruppe.
Lukas trat einen Schritt nach vorn und klatschte einmal in die Hände.
„Herzlich willkommen auf Burg Falkenstein.“
Sein Blick wanderte über die Neuankömmlinge.
„Schön, dass Sie den Weg zu uns gefunden haben. Bevor Sie Ihre Zimmer beziehen, dürfen Sie erst einmal ankommen. Das Gepäck bringen wir nachher hinein. Wer es lieber selbst tragen möchte, darf das natürlich auch. Wir möchten niemandem das Urlaubsgefühl nehmen.“
Einige Gäste lachten.
„Für heute Abend erwartet Sie ab neunzehn Uhr ein Drei-Gänge-Menü im Rittersaal. Danach hat unsere Burgbar geöffnet. Wer den Tag lieber ruhig ausklingen lassen möchte, findet in der Bibliothek oder im Innenhof meistens noch ein stilles Plätzchen.“
Milan hob erneut sein Handy.
„Und das WLAN?“
Lukas schmunzelte.
„An der Rezeption und im Rittersaal funktioniert es zuverlässig. Die Mauern sind allerdings älter als jedes Funknetz.“
„Das erklärt einiges.“
„Spätestens morgen Nachmittag haben Sie Gelegenheit, unsere Weinberge kennenzulernen“, fuhr Lukas fort. „Außerdem bieten wir eine Weinverkostung und eine Führung durch die Burg an. Wer Fragen hat, darf jederzeit auf uns zukommen.“
„Wenn es eine Weinverkostung gibt“, sagte Johanna, „hat sich die Reise für mich ja schon gelohnt.“
Einige aus der Gruppe lachten.
Lukas schmunzelte.
„Dann dürfte morgen Nachmittag ganz nach Ihrem Geschmack sein.“
Er trat zur Seite und deutete auf den Torbogen.
„Dann heißen wir Sie jetzt offiziell willkommen auf Burg Falkenstein.“
Die Gäste setzten sich langsam in Bewegung und folgten ihm durch das Tor.
Über ihnen kreisten zwei Dohlen, deren Rufe zwischen den alten Mauern widerhallten. Es klang beinahe so, als würden auch sie die Neuankömmlinge begrüßen, bevor sie über die Dächer davonflogen.
Hinter dem Tor öffnete sich der Innenhof der Burg. Kopfsteinpflaster zog sich bis zum alten Brunnen in der Mitte des Platzes. Über den Fenstern rankte wilder Wein, dessen erste Blätter im Abendlicht schimmerten. Aus einem offenen Küchenfenster drang der Duft von frischem Brot und gebratenen Kräutern.
Die Gäste blieben unwillkürlich stehen.
„Sieht größer aus, als ich gedacht hätte“, sagte Milan und ließ den Blick über die Gebäude schweifen.
„Von außen täuscht die Burg ein wenig“, erwiderte Lukas. „Mit der Zeit findet trotzdem jeder seinen Lieblingsplatz.“
An der Rezeption wartete Elena bereits auf die Neuankömmlinge. Vor ihr stand der Computer, auf dessen Bildschirm sie die Buchungen der Gäste aufgerufen hatte. Daneben lag das Gästebuch, dessen abgegriffener Ledereinband verriet, dass schon viele Menschen vor ihnen hier gestanden hatten.
Clara trat an den Tresen.
„Willkommen auf Burg Falkenstein“, sagte Elena mit einem freundlichen Lächeln.
Sie blickte auf den Bildschirm und suchte die erste Buchung heraus. Dann wandte sie sich dem Schlüsselsafe hinter der Rezeption zu und holte den passenden Schlüssel heraus.
„Clara Steinmann. Zimmer sieben. Blick zum Burghof.“
„Perfekt.“
Sie nahm den Schlüssel entgegen und beugte sich leicht vor.
„Eine Frage hätte ich noch. Gibt es hier irgendwo einen kleinen Laden? Oder wenigstens Schokolade für Notfälle?“
Elena musste schmunzeln.
„Der nächste Nahversorger liegt unten im Ort. Zu Fuß ungefähr zwanzig Minuten. Aber keine Sorge – unsere Küche lässt normalerweise niemanden hungern.“
„Das beruhigt mich.
„Das Abendessen beginnt um neunzehn Uhr im Rittersaal.“
„Und Frühstück?
„Ab Siebenuhrdreißig . Wer früher wach wird, findet meistens schon Kaffee.“
Clara nickte zufrieden.
„Mehr brauche ich eigentlich nicht.“
Sie trat zur Seite und ließ den Nächsten vortreten.
Milan griff nach seinem Schlüssel.
„Bitte sagen Sie mir, dass das WLAN auf den Zimmern besser ist.“
„Leider nein“, sagte Elena. „Wir haben momentan Sanierungsarbeiten im Haus. Dabei versuchen wir auch, den Empfang in den Zimmern zu verbessern. Im Moment funktioniert das WLAN an der Rezeption und im Rittersaal noch am zuverlässigsten.“
Milan verzog das Gesicht.
„Das ist jetzt nicht Ihr Ernst. Ich muss eigentlich noch arbeiten.“
Einen Moment sah es so aus, als wollte er sich weiter beschweren. Dann atmete er aus und versuchte, die Sache mit einem Lächeln zu nehmen.
„Dann muss ich wohl tatsächlich Urlaub machen.“
„Es soll Menschen geben, die sich daran gewöhnen.“
„Ich hoffe, ich gehöre nicht dazu.“
Selbst Elena musste lachen.
Während die Gäste ihre Schlüssel entgegennahmen, öffnete sich draußen erneut das Burgtor. Ein silberner SUV rollte langsam in den Innenhof. Kaum stand der Wagen, sprang die Fahrertür auf.
„Leni!“, rief ihre Mutter. „Bleib bitte in meiner Nähe.“
„Ich schau doch nur!“
Das Mädchen war längst unterwegs. Sie kannte die Burg inzwischen gut und lief zielgerichtet zum alten Brunnen. Bei jedem Besuch war er das Erste, was sie sehen wollte.
Der Brunnen war inzwischen mit einem eisernen Gitter gesichert, das sich öffnen und wieder verschließen ließ. So konnte niemand versehentlich hineinstürzen. Leni störte das Gitter nicht. Sie wusste genau, wo sie stehen musste, um zwischen den Streben ins Wasser zu sehen.
Seit ihrem ersten Besuch hatte sie jedes Mal in den Brunnen geschaut. Vielleicht hoffte sie immer noch, dort den Froschkönig zu entdecken, obwohl sie längst wusste, dass es nur ein Märchen war.
Sie beugte sich über den steinernen Rand und blickte in die Dunkelheit.
Ihr Bruder blieb dagegen am Auto stehen. Er zog einen Rucksack aus dem Kofferraum, setzte ihn auf den Boden und warf einen kurzen Blick auf sein Tablet.
„Hilfst du auch mal?“, fragte sein Vater.
„Gleich.“
Mehr sagte Finn nicht. Thomas Berger schloss den Kofferraum und schüttelte schmunzelnd den Kopf.
„Manchmal glaube ich, das Tablet antwortet öfter als mein Sohn.“
Julia hob ihre Yogamatte auf und lächelte entschuldigend in die Runde.
„Der Urlaub fängt offensichtlich schon gut an.“
Lukas trat hinaus.
„Familie Berger? Schön, dass Sie wieder da sind.“
Thomas reichte ihm die Hand.
„Freut mich ebenfalls.“
„Zimmer vier und fünf sind wie immer vorbereitet.“
„Danke.“
Während sich die Erwachsenen unterhielten, blieb Leni noch immer am Brunnen stehen. Sie starrte reglos in das dunkle Wasser.
„Mama?“
„Ja?“
„Da unten ist etwas.“
Julia trat neben ihre Tochter und sah in den Brunnen. Das Wasser lag ruhig zwischen den alten Steinen.
„Ich sehe nichts.“
Leni antwortete nicht sofort.
„Jetzt ist es weg.“
Julia legte ihr eine Hand auf die Schulter.
Noch einmal blickte sie in den Brunnen. Dann folgte sie ihrer Familie.
Clara hatte die Szene schweigend beobachtet.
„Ist die Familie öfter hier?“, fragte sie leise.
„Fast jedes Jahr“, antwortete Lukas. „Sie kennen die Burg inzwischen besser als manche Mitarbeiter.“
„Dann scheinen sie gern wiederzukommen.“
„Das tun viele.“
„Irgendwann fühlt sich die Burg für manche fast wie ein zweites Zuhause an.“
Elena reichte Thomas die Schlüssel.
„Und falls Sie heute Abend noch etwas brauchen: Wie immer bin ich bis einundzwanzig Uhr erreichbar.“
Sie zeigte auf einen kleinen Klingelknopf neben dem Computer.
„Wenn ich gerade nicht an der Rezeption bin, drücken Sie einfach hier. Das Signal wird an mehreren Stellen im Haus angezeigt, sodass jemand vom Personal Bescheid bekommt.“
Thomas nickte.
„Alles klar.“
„Danach ist Nachtruhe“, fügte Elena hinzu. „Falls wirklich etwas Dringendes sein sollte, gibt es natürlich eine Notfallnummer.“
Die Familie nahm ihr Gepäck und machte sich auf den Weg zu den Zimmern.
Langsam leerte sich der Innenhof. Koffer rumpelten über das Kopfsteinpflaster, Türen fielen ins Schloss und Schritte hallten durch die steinernen Gänge. Aus den geöffneten Fenstern drangen noch vereinzelte Stimmen. Über den Dächern verschwanden die letzten Sonnenstrahlen, und irgendwo schlug eine alte Tür gegen den Rahmen. Dann wurde es stiller. Nur der alte Brunnen blieb im Hof zurück.
An der Rezeption überprüfte Elena noch einmal die Einträge im System. Sie wollte sicher sein, dass bei den heutigen Anreisen alles korrekt eingegeben worden war. Anschließend rief sie die Buchungen für den nächsten Tag auf und sah nach, welche Gäste morgen erwartet wurden.
Elena strich unwillkürlich über den Tresen. Eine kleine Gewohnheit, die ihr half, den Überblick zu behalten.
„Alles angekommen?“, fragte Lukas, als er an der Rezeption vorbeikam.
Elena nickte.
„Bis jetzt schon.“
„Dann bleibt hoffentlich noch Zeit für einen Kaffee.“
„Wenn niemand seinen Zimmerschlüssel verliert.“
Lukas grinste.
„Du bist Optimistin.“
„Ich arbeite im Hotel.“
„Stimmt.“
Er verschwand Richtung Rittersaal. Elena sah ihm kurz nach, bevor sie den Blick durch den Innenhof schweifen ließ.
Die Burg wirkte friedlich. Fast zu friedlich.
Sie schob den Gedanken beiseite und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu. Draußen war der Hof inzwischen fast leer. Clara blieb noch einen Augenblick stehen.
Die Abendluft war kühl geworden. Aus den Weinbergen wehte der Duft feuchter Erde herauf. Über den Dächern kreisten wieder die beiden Dohlen. Ihr leises Rufen hallte zwischen den Mauern wider, bevor sie sich auf einem der Türme niederließen.
Sie schloss für einen Moment die Augen. Genau deshalb war sie hier. Ein paar Tage ohne Termine. Ohne Telefon. Ohne Verpflichtungen.
Einfach nur Ruhe.
Mit einem leisen Lächeln nahm sie ihren Koffer und verschwand im Torbogen.
Kapitel 2
Ein ganz normaler Anreisetag
Clara schloss die Tür hinter sich und blieb einen Moment stehen. Sie sah sich erst einmal in Ruhe um. Es war ihr erster Aufenthalt auf Burg Falkenstein, und sie wollte wissen, was sie für ihr Geld eigentlich geboten bekam.
Das Zimmer gefiel ihr auf Anhieb. Es war nicht groß, aber großzügig genug, um sich wohlzufühlen, und die Mischung aus modernem Komfort und rustikalem Burgcharakter wirkte durchdacht. An der Stirnseite zum Fenster war ein Teil des alten Mauerwerks freigelegt. Davor stand das Bett, daneben ein Kleiderschrank, dessen Holz zwar alt aussah, aber eindeutig neu und auf alt gemacht war.
Schwere Vorhänge rahmten das Fenster. In der Mitte waren sie mit einer Schärpe gerafft. Wenn Clara sie ganz öffnen wollte, konnte sie den gesamten Blick auf den Burghof freigeben.
Sie ging ein paar Schritte weiter und entdeckte den Flachbildschirm an der Wand. Darunter stand ein rustikales Sideboard, in dem auch die Minibar untergebracht war. In einer Ecke befand sich ein kleiner Sekretär. Darauf lagen Prospekte, ein Block und ein Kugelschreiber mit dem Falkenwappen und dem Namen des Hotels.
Clara öffnete den Kleiderschrank. Der eingebaute Safe war ebenfalls vorhanden.
„Nicht schlecht“, murmelte sie.
Für den Preis hatte sie mit weniger gerechnet.
Neugierig öffnete sie die Tür zum Badezimmer. Das war offensichtlich erst vor Kurzem erneuert worden. Eine ebenerdige Dusche, hochwertige Pflegeprodukte und die Ausstattung, die sie von einem guten Vier-Sterne-Hotel erwartete, ließen kaum Wünsche offen.
Clara musste lächeln. Alt außen, modern innen. Und das Ganze zu einem Preis, bei dem sie sich schon gefragt hatte, ob sie irgendwo einen Haken übersehen hatte.
Sie stellte ihren Koffer neben das Bett und öffnete das Fenster. Kühle Abendluft strömte herein. Von irgendwoher roch es nach frisch gebackenem Brot und Kräutern. Aus dem Innenhof drangen gedämpfte Stimmen herauf. Unten entdeckte Clara Gregor, der zwei Weinkisten über das Pflaster trug.
Clara lehnte sich einen Moment auf die Fensterbank.
Genau deshalb war sie gekommen.
Nur ein paar Tage, in denen niemand etwas von ihr wollte. Sie öffnete den Koffer und begann langsam auszupacken.
Ein paar Kleidungsstücke wanderten in den Schrank. Die Kulturtasche stellte sie ins Badezimmer. Anschließend legte sie ein flaches Etui auf den Schreibtisch. Als sie den Reißverschluss kurz öffnete, kamen Verbandsmaterial, eine kleine Schere und Pflaster zum Vorschein. Sie schloss das Etui wieder und schob es achtlos an den Rand des Tisches. Erst danach räumte sie die restlichen Sachen in den Schrank.
Von unten erklang Lachen. Kurz darauf schlug irgendwo eine Tür zu. Die Burg lebte ihren ganz normalen Alltag.
Clara lächelte.
Vielleicht war genau das der richtige Ort, um endlich zur Ruhe zu kommen.
Während Clara oben ihr Zimmer bezog, nutzte Milan die letzten Minuten vor dem Abendessen, um noch ein paar Aufnahmen von der Burg zu machen. Das Licht der untergehenden Sonne tauchte den Burghof in ein warmes Licht und ließ die alten Mauern und Holzbalken noch eindrucksvoller wirken.
Er drehte sich langsam einmal um die eigene Achse und hob schließlich das Handy. Genau die Art von Kulisse, für die seine Follower sonst hunderte Herzchen verteilten.
Er hielt die Kamera hoch und machte ein paar Aufnahmen. Anschließend wollte er das erste Bild hochladen. Ein Balken. Der Upload begann.
Nach wenigen Sekunden blieb der Kreis stehen.
„Natürlich.“
Milan steckte das Handy ein. In seinem Zimmer war der Empfang kaum brauchbar gewesen. Also ging er in die Vorhalle der Rezeption, um dort einen besseren Empfang zu finden. Kaum stand er dort, zeigte sein Handy zwei, dann drei Balken. Der Upload setzte sich wieder in Bewegung.
„Na also.“
Wenigstens hier funktionierte es.
Dass er dafür jedes Mal sein Zimmer verlassen musste, gefiel ihm allerdings überhaupt nicht.
Elena, die noch immer an der Rezeption stand, hatte ihn dabei beobachtet. Milan sah sich immer wieder um und hielt sein Handy in die Höhe, als wäre er auf der Suche nach einem verlorenen Schatz.
„Wenn Sie den Schatz gefunden haben, sagen Sie mir Bescheid“, sagte sie. „Vielleicht können wir ihn für die nächsten Gäste gleich besser beschildern.“
Milan sah zu ihr herüber und musste lachen.
„Ich suche nur einen guten Empfang.“
„Das habe ich mir schon gedacht.“
Sie lächelte.
„Aber zumindest wissen Sie jetzt, wo Sie ihn finden.“
Milan blickte auf sein Handy.
„Das ist ja schon mal etwas.“
Elena wandte sich wieder ihrem Computer zu. Milan blieb noch einen Moment in der Vorhalle stehen und betrachtete den Burghof durch den Torbogen.
Aus der Küche drang der Duft von gebratenen Zwiebeln, Kräutern und frischem Brot.
Maria hob den Deckel des großen Schmortopfes an und rührte langsam um. Der Duft von Wildragout, Kräutern und Rotwein zog durch die Küche.
Sie probierte die Soße und verzog kurz den Mund.
„Noch ein bisschen Pfeffer.“
Sie nahm die Mühle und würzte nach. Dann rührte sie den Topf noch einmal gründlich durch und kostete erneut.
„Jetzt passt es.“
Lukas kam durch die Schwingtür und begann, die ersten Teller aus dem Schrank zu holen.
„Riecht gut.“
„Soll es auch.“
Maria stellte den Löffel beiseite und warf einen Blick auf die Uhr.
„Sind die Bergers auch wieder da?“
„Gerade eben.“
Maria nickte zufrieden.
„Dann können wir gleich anrichten.“
Lukas stellte die Teller auf den Anrichtetisch und schaltete den Salamander ein. Die Beilagen für die ersten Teller standen bereits bereit. Er kontrollierte noch einmal die Anordnung und rückte einen Teller ein Stück zurecht.
Bei der kleinen Belegung musste er heute nicht lange überlegen, wo er mit anpacken konnte. Wenn weniger Gäste im Haus waren, half er selbstverständlich in der Küche oder beim Service mit. Er mochte diese Arbeit und war sich für nichts zu schade. Schließlich gehörte für ihn alles zusammen: ein gut geführtes Hotel und Gäste, die sich vom ersten bis zum letzten Moment wohlfühlten.
In diesem Moment öffnete Gregor die Hintertür zur Küche. In den Händen trug er zwei Weinkisten.
„Wo sollen die hin?“
„Neben den Ausschank“, sagte Maria.
Gregor stellte die Kisten vorsichtig ab.
„War noch genug da?“
„Für heute schon.“
Maria lächelte.
„Ab morgen musst du ohnehin wieder zu den Leitners.“
Gregor nickte.
„Sepp hat gesagt, die ersten Salate sind erntereif.“
„Gut.“
Maria legte den Deckel wieder auf den Topf.
„Dann nehmen wir morgen gleich welche mit.“
Mehr wurde darüber nicht gesprochen. Es musste auch nicht. Seit Jahren lief es auf dieselbe Weise. Der Leitnerhof versorgte die Burg mit Salat, Kräutern und später im Jahr auch mit Gemüse vom eigenen Hof. Die ersten Salate kamen im Frühjahr aus dem Gewächshaus.
Lukas stellte die letzten Weingläser auf ein Tablett.
„Ich bring schon mal alles rüber.“
„Und vergiss nicht den Brotkorb.“
„Passiert mir nicht.“
Maria sah ihm nach und begann, den ersten Teller anzurichten. Durch das offene Küchenfenster hörte sie Stimmen aus dem Burghof.
Wenig später kam Lukas zurück. Er nahm eine Flasche aus einer der Weinkisten und betrachtete das Etikett.
„Karl war schon da?“
Gregor nickte.
„Heute Nachmittag.“
„Hat er wieder den Grünen gebracht?“
„Wie jedes Jahr.“
Maria kam aus der Küche und trocknete sich die Hände an ihrer Schürze.
„Dann passt er heute Abend perfekt zum Wild.“
Sie nahm die Flasche und betrachtete das Etikett.
„Karl versteht sein Handwerk.“
Gregor nickte.
„Morgen bindet er die jungen Triebe an.“
Maria stellte die Flasche zurück.
„Dann hoffen wir, dass der Frost ausbleibt.“
„Davon geht er aus.“
Maria nickte. Dann fiel ihr noch etwas ein.
„Ach ja, apropos Grün … wenn du morgen wieder bei den Leitners bist, frag Sepp gleich, ob der Schnittlauch schon groß genug ist.“
Bevor Gregor etwas sagen konnte, schob Maria noch hinterher:
„Und falls du noch bei den Weissingers vorbeikommst, kannst du ein paar Gläser Marillenmarmelade mitbringen? Anneliese weiß Bescheid.“
Gregor nickte.
„Mach ich.“
Zum ersten Mal an diesem Tag huschte ein Lächeln über sein Gesicht.
Maria lächelte zufrieden.
„Ich wusste doch, dass ich nichts weitersagen muss.“
Sie überlegte kurz, ob sie noch etwas vergessen hatte, wandte sich dann aber wieder ihren Töpfen zu.
„Bis gleich“, sagte Lukas. Bei so wenigen Gästen aß Gregor später wie gewohnt im Rittersaal an einem eigenen Tisch.
Gregor hob die leeren Transportkisten an und ging durch den Kücheneingang zum Lastenaufzug. Er stellte die Kisten hinein und schickte sie in den Getränkekeller. Selbst nahm er die schmale Treppe nach unten. Er kannte den Weg im Schlaf.
Unten war es kühl. Der Geruch von Stein und altem Holz hing in der Luft. Als er unten ankam, war der Aufzug bereits da. Gregor nahm die Kisten heraus und schob sie in den Leergutkeller. Seit Jahren brachte er nach dem Abendservice das Leergut zurück, damit am nächsten Morgen alles wieder an seinem Platz stand.
Erst jetzt bemerkte er, dass sich sein Magen meldete und ihm unmissverständlich zu verstehen gab, dass es Zeit für das Abendessen war.
Dann drehte er sich um und ging zurück nach oben.
Im Rittersaal brannten bereits die ersten Kerzen.
Lukas stellte die letzten Weingläser auf den langen Eichentisch und trat einen Schritt zurück.
„Gerade.“
Mit der flachen Hand rückte er einen Teller um wenige Millimeter zurecht.
Maria kam aus der Küche und ließ den Blick kurz durch den Rittersaal wandern. Alles war an seinem Platz. Wie jeden Abend.
„Du bist unmöglich.“
„Warum?“
„Kein Mensch hätte gesehen, dass der Teller schief stand.“
Lukas grinste.
„Ich schon.“
Maria schüttelte lächelnd den Kopf.
„Deshalb lasse ich dich machen.“
Aus der Küche zog der Duft von Wildragout und frischem Brot in den Saal.
Durch das geöffnete Fenster fiel das warme Licht der untergehenden Sonne auf die alten Steinmauern.
Für einen Moment blieb Lukas stehen.
Vom Flur her drangen Stimmen und Schritte herein. Nach und nach kamen die Gäste aus ihren Zimmern und machten sich auf den Weg zum Rittersaal. Auch aus dem zweiten Stock waren inzwischen Schritte auf der Treppe zu hören.
„Sieht gut aus“, sagte Maria.
Lukas nickte.
„Dann kann der Abend beginnen.“