Ein Kapitel für Dich, Band I
Kapitel 1
Ankunft auf Burg Falkenstein
Die Sonne hing tief über den Hügeln der Wachau, als der Bus die letzte Serpentine nahm. Zwischen den Reben glänzte das Dach der alten Burg wie ein vergessenes Juwel. Die Mauern warfen lange Schatten, als wollten sie die Neuankömmlinge prüfen, bevor sie eingelassen wurden. Die Luft roch nach Erde, nach Trauben, nach Frühling.
„Und da wären wir“, sagte Kurt, der Busfahrer, und öffnete die Türen, die zischend aufsprangen. Die Gruppe stieg aus – erleichtert, neugierig, ein wenig erschöpft. Der Bus hatte sie gebracht. Die Burg würde sie empfangen. Kurt war ein Mann der Routine. Seit Jahren fuhr er Gruppen durch die Wachau – und immer, wenn die Türen zischten, begann für andere etwas Neues. Für ihn war es nur ein weiterer Halt. Aber ein vertrauter.
Clara trat als Erste auf den Kiesplatz vor dem Burgtor. Sie sog die Luft ein, streckte sich. „Endlich. Frische Luft. Kein WLAN. Vielleicht sogar ein bisschen Ich.“ Ihr dunkelbraunes Haar war zu einem strengen Dutt gebunden, der ihr Gesicht frei ließ. Der Dutt war wie sie selbst: strukturiert, kompromisslos, bereit für alles, was kam – großschlank, mit wachen Augen, die mehr sahen, als sie sagten.
„Kein WLAN?“, rief Milan und hob sein Smartphone wie einen Zauberstab – Empfang war sein Zauberspruch. „Das ist ja wie Mittelalter. Nur ohne Ritter.“ – „Oder ohne Hirn“, murmelte Zoe, Kapuze tief ins Gesicht gezogen, Kopfhörer halb im Ohr. Sie war die Art Mensch, die lieber Musik hörte als Smalltalk – und deren Kommentare selten, aber treffsicher waren.
Am Tor wartete Lukas, der Kellner der Burg. Dunkelgraue Schürze, gesticktes Wappen – ein stilisierter Falke über einem Weinglas. Müde Augen, aber ein Lächeln, das Routine und Wortwitz zugleich verriet. „Herzlich willkommen auf Burg Falkenstein!“, rief er und machte eine kleine Verbeugung, halb ernst, halb ironisch. „Wie Sie sehen, stehen Sie nicht nur vor einem Hotel, sondern vor österreichischer Geschichte. Wir geben uns jede Mühe, Ihren Wünschen gerecht zu werden – und wenn’s mal nicht klappt, haben wir zumindest guten Wein, um’s zu vergessen.“ Einige lachten, andere sahen irritiert. Lukas zwinkerte. „Das Einchecken findet im Innenhof statt. Ihr Gepäck wird gleich gebracht – außer Sie wollen es selbst tragen, dann sparen wir Strom und haben gleich Ihr Fitnessprogramm erledigt.“
Die Gruppe setzte sich langsam in Bewegung. „Für heute Abend ab 19 Uhr ist ein Drei-Gänge-Menü im Rittersaal vorbereitet. Danach öffnet die Burg-Bar – für alle, die noch nicht ins Bett wollen. Und für alle, die doch ins Bett wollen, haben wir Betten. Frisch bezogen, versteht sich.“ – „Und was ist mit WLAN?“, rief Milan erneut. Lukas lächelte dünn. „Nur im Rittersaal und an der Rezeption. Manche Mauern sind dicker als die Ausreden meiner Kollegen. In den Türmen gibt’s nur Funklöcher – da hören Sie höchstens die Fledermäuse.“ – „Das ist ja wie Detox“, murmelte Zoe. „Nur ohne Filter.“ Ein leises Lachen ging durch die Gruppe. Milan senkte das Handy ein Stück.
Johanna trat einen Schritt nach vorn, die Älteste der Gruppe, mit einem Funkeln in den Augen. „Wenn es eine Weinverkostung gibt, hat sich die Reise ja schon gelohnt.“ – „Morgen um 14 Uhr“, sagte Lukas. „Weine aus der Region, vor allem aus unserer eigenen Produktion. Danach eine Führung durch die Burg, die Festungsanlagen, das Museum – und eine kleine Exkursion zu den Weinbergen. Anmeldung bis morgen Mittag an der Rezeption. Und keine Sorge: Wir haben genug Gläser. Nur die Geduld müssen Sie selbst mitbringen.“
Die Burg war nie nur ein Hotel gewesen. Sie gehörte einer alten Adelsfamilie – den von Hohenstein-Landegg, wenn Lukas sich richtig erinnerte. Offiziell ein Kulturdenkmal, inoffiziell ein gut laufender Betrieb: 24 Gästezimmer, gehobenes Niveau, Weinverkostungen, Bauernhof mit Hofladen – alles fein abgestimmt auf das Bild vom ländlichen Idyll mit historischem Flair. Die Leitners bewirtschafteten den Hof, die Weissingers die Weinberge. Beide Familien waren Pächter – mit teuren, aber lohnenden Verträgen. Die Burg hielt sich mit Einnahmen und Ausgaben in der Waage. Solange die Gäste kamen, lief alles rund.
Clara stand etwas abseits, die Hände im Mantel vergraben. Sie sog die Luft ein, roch Erde, Trauben, Frühling. „Kein WLAN“, murmelte sie leise, fast zu sich selbst. „Vielleicht endlich ein bisschen Ruhe.“ Die Burg warf ihre Schatten über den Hof. Stimmen mischten sich mit dem Knarren der alten Türen. Es war friedlich. Fast zu friedlich. Als hätte die Burg gelernt, Geheimnisse zu bewahren.
Farid blieb am Rand stehen, Hände in den Taschen, Blick auf die Hügel. Er sagte nichts. Aber seine Stirn war in Sorgenfalten gelegt.
Kurt, der Busfahrer, stellte den Motor ab und ließ den Blick über den Burghof schweifen. Wie immer suchte er einen Parkplatz, der nicht zu schräg war – sein Rücken mochte keine Neigungen mehr. Er war ein stämmiger Mann mit grauem Oberlippenbart, wettergegerbtem Gesicht und der stoischen Ruhe eines Routiniers, der schon zu viele Gruppen an zu vielen Orten gebracht hatte. Seit Jahren fuhr er für das Busunternehmen, das einen festen Vertrag mit dem Burghotel hatte. Die Regel war klar: Wer spät ankommt, bleibt über Nacht. Kurt mochte diese Regel. Sie bedeutete ein warmes Bett, ein spätes Bier in der Burg-Bar und manchmal ein Gespräch mit Gregor, dem Hausmeister, über die besten Routen zum Flughafen oder zum Hauptbahnhof in Wien. Heute war es wieder so weit. Die Rückfahrt war keine Option mehr – zu spät, zu dunkel, zu müde. Kurt stieg aus, streckte sich, murmelte etwas Unverständliches in seinen Bart und machte sich auf den Weg zur Rezeption. Er würde morgen früh wieder fahren. Vielleicht zum Bahnhof. Vielleicht zum Flughafen. Vielleicht auch einfach nur zurück in die Stadt. Aber heute Nacht gehörte ihm ein Zimmer mit Blick auf die Hügel. Wie immer.
Ein silberner SUV mit Wiener Kennzeichen rollte durch das Burgtor. Die Türen klappten auf, eine Familie stieg aus: Vater mit Sonnenbrille, Mutter in Leinenhose, zwei Kinder, die sich sofort in entgegengesetzte Richtungen bewegten. „Leni, bleib bitte bei uns!“, rief Julia Berger, während sie versuchte, Yogamatte, Handtasche und Thermosflasche gleichzeitig zu balancieren. – „Ich will nur schauen!“, rief das Mädchen und rannte zum Brunnen in der Mitte des Hofes. Ihr Bruder Finn blieb beim Auto, Kopfhörer tief in den Ohren, Blick aufs Tablet. – „WLAN?“, fragte er, ohne aufzusehen. – „Vielleicht gibt’s hier ja auch mal echte Gespräche“, murmelte Thomas Berger, der Vater, und schloss den Kofferraum.
Clara beobachtete die Szene mit einem Stirnrunzeln. „Noch mehr Gäste?“, fragte sie Lukas, der gerade Weingläser auf einem Tablett balancierte. – „Familie Berger. Stammgäste. Sie bleiben eine Woche. Zimmer 4 und 5.“ – „Yoga-Retreat mit Kinderbetreuung?“ – „Sie machen Urlaub“, sagte Lukas trocken und verschwand Richtung Rittersaal.
Im Innenhof sammelten sich die Gäste. Die Sonne war hinter den Hügeln verschwunden, ein kühler Wind zog durch die Mauern. Elena, die Rezeptionistin, verteilte Zimmerschlüssel und Willkommensbroschüren. „Morgen gibt’s eine Weinverkostung mit unserer Köchin Maria und danach eine Führung durch die Burg“, sagte sie lächelnd. „Und falls Sie Fragen haben – ich bin bis 22 Uhr an der Rezeption.“ – „Was ist mit WLAN?“, fragte Finn erneut. – „Nur im Rittersaal und hier an der Rezeption“, sagte Elena. „Aber ehrlich – die Aussicht ist besser als jedes Display.“
Leni stand am Brunnen und starrte ins dunkle Wasser. „Mama?“, rief sie leise. „Da unten ist was.“ – „Was denn, Schatz?“, fragte Julia, während sie ihre Matte griff. – „Ich glaub, da hat sich was bewegt.“ Doch niemand ihr zu.
Kapitel 2
Ein ganz normaler Anreisetag
Die Sonne sank langsam hinter den Reben, als Elena Noack die letzten Buchungen in den Computer tippte. Der Empfangsbereich der Burg war klein, aber charmant – Holzvertäfelung, ein knisternder Kronleuchter, Lavendelduft aus dem offenen Fenster und ein Teppich, der schon bessere Jahrhunderte gesehen hatte. Ihre Bluse war in gedecktem Blau, akkurat gebügelt. Nicht aus Eitelkeit, sondern aus Prinzip.
Elena war zweiundvierzig, Rezeptionistin, Organisatorin, Seelsorgerin wider Willen. Seit acht Jahren war sie das erste Gesicht, das die Gäste sahen – und oft das letzte, das sie in Erinnerung behielten. Sie machte ihren Job wie eine gut geölte Tür, die nie knarrt, aber immer aufgeht. Geboren in Sibiu, Rumänien – einer Stadt mit deutschen Wurzeln und vielen Sprachen. Ihre Mutter war Deutschlehrerin, ihr Vater Tischler. Elena wuchs zweisprachig auf, mit einem Ohr für Zwischentöne und einem Sinn für Ordnung. Nach dem Studium in Leipzig arbeitete sie in Hotels, Pensionen, Kurhäusern. Karriere war nie ihr Ziel. Aber dass Dinge liefen – das schon.
Nach einer Ehe, die sich irgendwann wie ein schlecht gebuchtes Doppelzimmer anfühlte, und dem Auszug ihrer Tochter, zog sie sich bewusst zurück. Burg Falkenstein war ihr Ruhepol: alt, solide, mit Geschichte. Sie kannte jede Tür, jeden Schlüssel, jede Eigenheit. Und sie wusste: Wenn die Kaffeemaschine morgens nicht summt, wird der Tag schwierig.
Als die Gäste für die Frühlingswoche eintrafen, war sie wie immer vorbereitet: Listen, Zimmerkarten, Begrüßungstee. Sie hatte nicht geahnt, dass diese Woche alles verändern würde. Jetzt war sie nicht mehr Rezeptionistin. Jetzt war sie Teil einer Gemeinschaft, die überleben musste. Und niemand kannte die Burg so gut wie sie.
Elena tippte zweimal auf die Tastatur, bevor sie etwas sagte – wie ein stilles Ritual. „Zimmer sieben mit Blick auf den Burghof“, sagte sie routiniert. „Perfekt“, sagte Clara, die sich mit einem Stadtplan über den Tresen beugte. „Gibt’s hier irgendwo einen Supermarkt? Oder wenigstens einen Automaten mit Schokolade und Existenzsicherheit?“ – „Der nächste Laden ist im Tal, zwanzig Minuten zu Fuß. Aber keine Sorge – unsere Küche ist gut ausgestattet. Abendessen ab neunzehn Uhr im Rittersaal.“ – „Und Frühstück?“ – „Ab acht. Wenn Sie früher wach sind, gibt’s Kaffee in der Bibliothek. Und Ruhe. Viel Ruhe.“
Clara Steinmann war neununddreißig. Lehrerin mit Vergangenheit als Krankenschwester. Sie sprach wenig über sich – nicht aus Geheimniskrämerei, sondern aus Gewohnheit. Sie hatte viele Stationen gesehen. Innere. Chirurgie. Notaufnahme. Nächte voller Pieptöne, Tage voller Übergaben. Sie hatte Leben gehalten, Hände gedrückt, Tränen geschluckt. Und doch – irgendwann reichte es nicht mehr. Nicht die Dankbarkeit. Nicht das Wissen, gebraucht zu werden.
Es war eine Nachtwache auf der Intensivstation. Drei Patienten. Zwei Pfleger. Einer davon sie. Der Junge war achtzehn. Zwei Monate nach der Fahrprüfung. Zu schnell. Ein Hänger. Zwei Beine weg. Er starb um 3:17 Uhr. Sie hielt seine Hand. Er sagte nichts. Aber sein Blick fragte: Warum? Und sie hatte keine Antwort. Als sie am Morgen nach Hause fuhr, wusste sie: Sie musste gehen. Nicht, weil sie nicht helfen wollte. Sondern weil sie es nicht mehr konnte – nicht dort.
Sie wollte weitergeben, was heilt, bevor es weh tut. Nicht nur Pflaster. Sondern Sprache. Nicht nur Reaktion. Sondern Resonanz. Sie schrieb sich an der Uni ein. Pädagogik. Der Wechsel war hart – vom Schichtdienst in die Hörsäle, vom Klinikflur in die Welt der Didaktik. Aber sie zog es durch. Mit Disziplin. Und mit dem Ziel, Kindern Wissen zu vermitteln – vor allem aber Halt.
Geboren in Regensburg, älteste von drei Geschwistern. Ihre Kindheit: stabil, strukturiert, mit klaren Regeln und wenig Drama. Sie war das stille Kind mit den klugen Augen und den selbst erfundenen Zahlenreihen.
Sie war eine, die zuhörte, bevor sie sprach. Die handelte, wenn andere noch zögerten. Und die wusste, dass man manchmal einfach nur einen Kaffee braucht, um die Welt zu retten.
Privat blieb sie lange allein. Sie suchte keinen Retter – sondern jemanden, der mit ihr stand. Bisher hatte sich niemand qualifiziert. Als sie von der Burg hörte, buchte sie spontan. Kein Handyempfang. Keine Elternabende. Keine E-Mails mit dem Betreff „Dringend“. Nur Stille. Bücher. Natur. Sie hatte nicht geahnt, dass sie dort sich selbst begegnen würde in einer Welt, die aus den Fugen geraten war.
Jetzt war sie nicht mehr Lehrerin. Nicht mehr Krankenschwester. Jetzt war sie beides – und mehr. Eine Stimme der Vernunft. Eine Hand, die hält. Eine, die bleibt, wenn andere gehen.
Hinter Clara drängte sich Milan nach vorn. Er zupfte am Saum seines Shirts – eine Geste, die er oft machte, bevor er sprach. „Sorry, kurze Frage: Gibt’s hier irgendwo einen Spot mit stabilem WLAN? Ich muss noch was posten. Sonst glaubt mir keiner, dass ich hier bin.“ – „Nur im Rittersaal und hier an der Rezeption“, sagte Elena. – „Aber manchmal hilft’s, einfach mal offline zu sein.“ – „Offline ist mein Albtraum“, murmelte Milan und sah aus, als hätte man ihm gerade das WLAN-Passwort ins Feuer geworfen.
Sonnengebräunte Haut, weißes Shirt mit Markenlogo, perfekt sitzende Jeans – als wäre er direkt aus einem Werbespot gestiegen. Die Haare: leicht gewellt, akkurat gestylt. Der Blick: auf Wirkung trainiert, dennoch nicht leer. Milan Petrovic lebt von Bildern. Von Likes. Von Aufmerksamkeit. Instagram, TikTok, YouTube – überall dort, wo man gesehen wird. Seine Welt: perfekt inszenierte Frühstücke, Fitnessvideos, Modekooperationen und motivierende Sprüche in Pastellfarben.
Er nennt sich „Content Creator“. Andere nennen ihn „Influencer“. Er verdient Geld mit Werbedeals, Affiliate-Links, gesponserten Reisen. Markenzeichen: blendendes Lächeln, gestählter Oberkörper, Hashtag #LiveAuthentic – ironischerweise unter jedem sorgfältig bearbeiteten Foto. Hunderttausende Follower. Kaum echte Freunde. Sein Leben ist öffentlich – und gleichzeitig einsam.
Auf den ersten Blick wirkt er wie ein Klischee: Selbstverliebt. Eitel. Immer mit dem Handy. Immer auf der Suche nach Licht. Doch wer genauer hinsieht, merkt: Er ist nicht dumm. Nur verloren. Er hat sich eine Rolle erschaffen, in der er sicher ist – solange die Kamera läuft. Charmant, witzig, unterhaltsam – aber sobald niemand mehr zusieht, wird er still.
Milan hatte die Reise über eine Kooperation gebucht – ein „authentisches Retreat für digitale Detox und Achtsamkeit“, gesponsert von einem nachhaltigen Outdoor-Label. Er wollte Content produzieren: Morgenlicht, Burgromantik, ein paar Likes. Doch als alles zusammenbrach, begann er heimlich zu filmen. Nicht mehr für Klicks. Nicht mehr für Follower. Er filmte, weil er nicht wusste, wie er sonst begreifen sollte, was geschah.
Er dokumentiert die Tage im Keller. Die Gesichter. Die Angst. Die Gespräche. Er spricht nachts in die Kamera – wie in ein Tagebuch. Und irgendwann merkt er: Er filmt nicht mehr sich selbst. Er filmt die anderen. Und das verändert ihn.
Die Tür öffnete sich. Familie Berger trat ein – bepackt mit Taschen, Yogamatte, Plüscheinhorn und einem Kind, das sofort auf den Boden plumpste.
Die Bergers stammen aus Freiburg im Breisgau – einer Stadt zwischen Welten: Tradition und Moderne, Natur und Urbanität, Kontrolle und Sehnsucht. Thomas und Julia sind seit achtzehn Jahren verheiratet. Ihre Ehe war nie leidenschaftlich, aber stabil – ein Bündnis aus Gegensätzen. Doch die Risse wachsen. Thomas ist Architekt, spezialisiert auf Restaurierung. Er liebt klare Linien, statische Berechnungen, Pläne, die aufgehen. Er schweigt lieber, als Unsinn zu reden. Arbeitet lieber, als zu diskutieren. Denkt lieber, als zu fühlen. Er liebt seine Familie – aber weiß nicht, wie man das zeigt. Er versteht seinen Sohn nicht. Seine Frau noch weniger. Er fragt sich oft, wann alles kompliziert wurde. Kaum angekommen, fragt er nach dem Bus – den er eigentlich nicht brauchte. Er fragte, weil er wissen wollte, wie man wieder hinauskommt, bevor man richtig drin ist. Es ist keine Frage nach dem Bus. Es ist eine Frage nach dem Fluchtweg.
Julia war früher Grundschullehrerin, dann Yogalehrerin, jetzt Coach für Achtsamkeit und weibliche Intuition. Weite Leinenhose, barfuß in Sandalen, ein Armband mit kleinen Steinen, die angeblich Energie spenden – sie trug ihre Überzeugungen wie andere ihre Kleidung. Sie ist friedliebend, idealistisch, manchmal naiv – aber nicht dumm. Sie spürt, wenn etwas nicht stimmt. Sie hofft, dass die Reise zur Burg Nähe bringt. Jetzt versucht sie, mit Meditation, Atemübungen und kleinen Ritualen Ruhe zu stiften – für sich, für die Kinder, für die Gruppe. Aber sie merkt: Ihre Weltanschauung stößt an Grenzen. Und dass Stärke manchmal bedeutet, nicht loszulassen.
Finn ist fünfzehn. Still, intelligent, technikaffin. Er spricht wenig, aber wenn er etwas sagt, hat es Gewicht. Er fühlt sich oft wie ein Fremder – in der Welt, in seiner Familie, in sich selbst. Er liebt Funktechnik, alte Radios, Codes, Zahlen. Er hat ein altes Kurzwellenradio mit auf die Burg gebracht – aus Neugier. Seine Eltern verstehen ihn nicht. Thomas ist zu hart, Julia zu weich. Aber er liebt seine kleine Schwester. Und sie liebt ihn. Sie ist die Einzige, die ihn nicht fragt, warum er so still ist. Finn hört, was andere überhören. Und langsam beginnt er, sich selbst zu vertrauen.
Leni ist neun. Neugierig, sensibel, fantasievoll. Sie redet mit Dingen, die andere nicht sehen. Sie hört Stimmen. Sie sieht Schatten. Einbildung? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Die Erwachsenen lächeln, wenn sie spricht – dieses milde, höfliche Lächeln, das sagt: Wie süß. Aber Leni spürt, dass sie mehr sieht als sie. Sie hat keine Angst vor der Dunkelheit. Nur vor dem, was darin schweigt. Sie liebt ihren Bruder Finn. Bedingungslos. Er ist still, aber sie versteht ihn. Sie fragt ihn nie, warum er nicht redet. Sie weiß, dass er hört, was andere überhören. Leni hat ein altes Notizbuch, in das sie Dinge schreibt, die niemand versteht. Zeichen, Träume, Fragmente. Manchmal malt sie Spiralen. Manchmal nur ein Wort: Sie kommen. Sie ist die Erste, die spürt, dass etwas nicht stimmt. Nur ein Flackern in den Augen. Ein Satz, den sie flüstert, als die Gruppe sich zum Abendessen versammelt: „Heute Nacht wird jemand gehen.“
Die Burg füllte sich langsam mit Stimmen, Schritten, Erwartungen. Die Gäste bezogen ihre Zimmer, erkundeten die Gänge, fotografierten die Aussicht. Niemand ahnte, dass dies der letzte normale Tag war. Niemand wusste, dass die Mauern bald mehr schützen mussten als nur Geschichte. Und während Elena die Schlüssel sortierte, Clara die Bibliothek inspizierte, Milan sein erstes Reel drehte und Thomas die Statik der Fenster prüfte, saß Finn auf dem Fenstersims seines Zimmers. Das Radio knisterte – ein Signal, ein Rauschen, ein Fragment. Leni stand barfuß im Flur, still, den Blick auf etwas, das niemand sah. Leise, fast wie ein Gedanke, der sich selbst flüstert, sagte sie: „Sie sind schon da.“
Kapitel 3
Zwischen den Gläsern
Nachdem alle ihre Zimmer bezogen hatten und die Ankunftseuphorie langsam in Routine überging, senkte sich der frühe Abend über Burg Falkenstein. Im Rittersaal klirrten Gläser, Stimmen hallten zwischen den Holzbalken, Kerzen flackerten auf langen Tafeln wie nervöse Boten eines Festes, das sich selbst nicht ganz traute.
Farid trug ein schlichtes Hemd in Graublau, die Ärmel ordentlich hochgekrempelt. Die Schultern leicht nach vorn geneigt, als würde er sich gegen eine unsichtbare Last stemmen. Seine Hände waren ruhig, kontrolliert, mit feinen Bewegungen, die an Laborarbeit erinnerten. Die Augen dunkel, wach – nicht suchend dennoch prüfend. Er hielt das Weinglas gegen das Licht. Der Rotwein war tiefdunkel, fast schwarz. „Ein schwerer Jahrgang“, hatte der Kellner gesagt. „Voller Charakter.“ Farid roch daran, aber trank nicht. Charakter hatte er genug.
Farid stammte aus dem Iran. Chemiker, Forscher, Dozent. Ein Mann der Reaktionen – molekular wie menschlich. Seine Vorlesungen an der Universität Teheran waren klar, durchdacht, leidenschaftlich. Er konnte komplexeste Synthesen mit drei Strichen an die Tafel bringen – und mit einem Blick ins Herz seiner Studenten. Doch irgendwann wurde das Wissen, das er vermittelte, zu wertvoll. Für die Regierung, die damit etwas anderes vorhatte als reine Wissenschaft. Man bat ihn, an einem Projekt mitzuwirken – subtil zuerst, dann mit Druck. Ein Forschungsvorhaben, das angeblich der Sicherheit dienen sollte. Aber Farid verstand die Richtung. Und er wusste, was am Ende auf dem Tisch liegen würde.
Als ein Kollege einen Artikel veröffentlichte, in dem er die toxische Wirkung eines neuen Stoffes beschrieb – nicht systemkonform, nicht genehmigt – verschwand er. Ohne Erklärung. Ohne Spur. Mit ihm verschwand Farids letzter Vertrauensvorschuss gegenüber der Regierung. Dann begannen die Besuche. Unangekündigt. Fragen über seine Familie. Über seine Frau. Über seine Kinder. Farid wusste: Es war keine Einladung. Es war eine Warnung.
Es gab nur die Flucht. Über die Türkei, dann Griechenland. Zwei Monate in einem Lager bei Thessaloniki – ein Zelt, drei Decken, ein Kind, das nachts nicht aufhörte zu husten. Danach weiter nach Wien, mit einem gefälschten Pass und einem echten Namen. Dort fand er Arbeit. Nicht öffentlich, nicht offiziell. Ein Labor, das interne Tests durchführte – zur Reaktionsweise komplexer Substanzen. Farid analysierte, dokumentierte, verglich. Was mit den Ergebnissen geschah, wusste er nicht genau. Aber er ahnte es. Und irgendwann wusste er zu viel.
Als er von der Burg hörte, buchte er eine Woche Auszeit. Kein Labor, keine Meetings, keine Formeln. Nur Stille, Natur, ein paar Bücher. Seine Frau und die Kinder blieben in Wien. Es waren keine Ferien. Und er hatte nicht geahnt, dass diese Woche ihn neu zusammensetzen würde.
„Sie trinken gar nicht?“, fragte Clara von gegenüber. Ihre Stimme war freundlich, prüfend wie ein Thermometer, das nicht nur Temperatur misst. „Ich beobachte lieber“, sagte Farid. Er lächelte. Doch das Lächeln blieb irgendwo zwischen Nase und Stirn hängen. Die Augen blieben nüchtern. Clara nickte langsam. „Sie wirken … angespannt.“ – „Ich bin Chemiker“, sagte er. „Ich bin immer angespannt.“ Sie lachte. Nicht laut, aber ehrlich.
Farid wandte den Blick ab. Am anderen Ende des Saals filmte Milan sich selbst mit einem Glas in der Hand. „Burgvibes!“, rief er in sein Handy. „Hashtag Blessed.“ Farid sah zum Fenster. Draußen war es dunkel. Kein Stern zu sehen. Nur ein fahles Leuchten am Horizont – zu hell für diese Uhrzeit, zu diffus. Wie eine Erinnerung, die sich nicht entscheiden kann, ob sie echt ist. „Entschuldigen Sie mich“, murmelte er und stand auf.
Niemand achtete auf ihn. Nur das kleine Mädchen – Leni – sah ihm nach. Sie beobachtete aufmerksam, was um sie herum geschah, und manchmal erkannte sie mehr als andere.
Im Flur herrschte Stille. Die alten Steinwände verschluckten den Lärm wie ein hungriger Gedichtband. Farid ging zum Fenster und öffnete es einen Spalt. Die Luft roch nach Erde – und nach etwas anderem. Etwas Metallischem. Er nahm es wahr, oder es spielte sich nur in seinem Kopf ab. Auch er besaß eine feine Sensorik., er blieb stehen, lauschte. Nichts. Kein Wind. Kein Vogel. Nur Stille. Es war nicht die gute Art. Nicht die, die beruhigt. Dann schloss er das Fenster wieder.
Zurück im Rittersaal war alles wie vorher: Musik, Lachen, Gespräche über Bio-Wein und glutenfreie Lebenskrisen. Aber in Farids Kopf war es bereits still. Etwas stimmte nicht. Und es kam näher. Und Leni, die noch immer am Rand saß, flüsterte zu ihrem Plüscheinhorn: „Er hat es gehört.“